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Innovation braucht Netzwerke ...

07. August 2026 von Dr. Bernhard Frohn
aktualisiert am 
07. August 2026

... und Netzwerken braucht Orte

Jeder sucht ihn, den Weg aus der aktuellen Krise. Nur gibt es genau genommen gar keine Krise. Es gibt vielmehr eine Transformation ausgelöst durch zahlreiche sehr grundlegende Megatrends. Der Charakter einer Transformation ist, dass sie nicht einfach so vorübergeht, wie man sich das von einer Krise erhofft. Oft habe ich in den letzten Jahren gehört, dass es im nächsten Jahr wieder besser werden wird. Das nennt man Hoffnung, aber diese ist bei einer Transformation fehl am Platze. Das Einzige, was bei einer Transformation zum Erfolg führt, ist die Grundmechanik der Veränderung zu verstehen und ihr mit neuen Wegen zu begegnen. Innovation ist das Zauberwort.

Bei dem BOB-Netzwerktreffen 2019, ich werde es nie vergessen, sagte die Keynote-Sprecherin, dass in Zukunft drei Dinge zu tun wären: Innovation, Innovation und Innovation. Also auch schon vor Corona, den weltpolitischen Verwerfungen und auch schon vor ChatGPT gab es genügend Hinweise auf eine Zeitenwende. Apropos, Fritjof Capra schrieb sein immer noch lesenswertes Buch „Wendezeit“ im Jahr 1982. Er könnte es gestern geschrieben haben. Auch damals gab es schon Klimawandel, die Grenzen des Wachstums und die geopolitische Abhängigkeit von Erdöl. Es wäre an der Zeit, dass wir diese Themen einmal wirklich angehen. Das aber nur als kleine Nebenbemerkung.

Kommen wir zurück zur Innovation.

Wo und wie entsteht Innovation?

Kann man Innovation auf die Sprünge helfen? Benötigt Innovation einen Ort?

Die Bell Labs unter Mervin Kelly werden oft zurecht als extrem innovatives Unternehmen genannt. Transistor, Laser, Solarzelle und Unix sie alle stammen aus diesem Haus. Und tatsächlich spielt das Bürogebäude dabei eine Rolle. Schon damals gab es die Idee, dass Innovation immer an den Grenzen bzw. Schnittstellen von fachlichen Disziplinen entstehen. Aber Menschen neigen dazu, in Silos zu denken und zu handeln und sich abzuschotten. Der Grundriss des Bürogebäudes wurde daher so geschaffen, dass Ingenieure den Physikern, Physiker den Mathematikern und dieser wiederum den Informatikern und Kaufleuten begegneten. Das war tatsächlich kein Zufall, das war Absicht. Es wurden zahlreiche Orte als Treffpunkte geschaffen.

Jetzt könnte man anführen, dass dieser kleine Umstand vielleicht gar nicht maßgeblich war. Dem ist aber nicht so. Lesen Sie die Gründungsstory von Paypal und beschäftigen Sie sich mit dem Silicon Valley, dann wird schnell deutlich, dass räumliche Nähe auch in Zeiten von Teams, Zoom oder Slack immer noch wichtig ist. Vielleicht ist sie sogar so wichtig wie nie zuvor. Darauf komme ich später noch zurück.

Warum brauchen wir überhaupt räumliche Nähe?

Explizites Wissen, wie der Carnot-Prozess bei Wärmepumpen, die Wirtschaftlichkeitsberechnung einer Projektentwicklung oder der Planungsprozess eines Bauvorhabens benötigt bald keine Nähe mehr. Eine KI in Kombination mit einem Second Brain ist schon heute ein so mächtiges Werkzeug, dass man bereits jetzt absehen kann, dass Menschen explizites Wissen nicht mehr auswendig lernen müssen, sondern dass sie lediglich wissen müssen, wo man dieses abruft und wie man beurteilt, ob dieses in meinen Kontext fällt.

Was hingegen Nähe braucht, ist der Austausch von Erfahrung. Ich kann mir aktuell noch nicht vorstellen, wie eine KI-Maschine Erfahrungen sammeln kann. Eine Erfahrung ist Wissen, die sich mit einer Emotion (Erfolg, Misserfolg) verbunden besonders in unser Hirn brennt. So entsteht Implizites Wissen, das sich nicht einmal eben mit KI und einem Second Brain abbilden lässt, da KI keinen Schmerz empfindet.

Und damit Menschen Erfahrungen an Menschen weitergeben und auch bereit sind, sie entgegenzunehmen, bedarf es Vertrauen. Und Vertrauen entsteht beim besten Willen nicht in der Videokonferenz. Seit Jahrzehnten wird uns das „Ende der Distanz" vorausgesagt. Wenn ich per Mausklick mit jedem Kontinent verbunden bin, dann ist doch egal, wo ich sitze. Das hört sich zunächst sehr logisch an. Die Realität macht etwas anderes. Wissensarbeiter und Wissensarbeiterinnen ziehen weiter in die teuersten Städte der Welt, obwohl sie technisch überall arbeiten könnten. Sie zahlen freiwillig hohe Mieten für das Privileg, in der Nähe von anderen klugen Leuten zu sein. Wenn Distanz wirklich tot wäre, würden diese Menschen ökonomisch irrational handeln. Und zwar millionenfach, jahrzehntelang, weltweit.

Ich halte es für wahrscheinlicher, dass sie über etwas verfügen, das ihnen die Gewissheit gibt, dass Innovation räumliche Nähe braucht. Es ist die Intuition und wieder das implizite Wissen.

Genau dieses implizite Wissen wird fast ausschließlich durch persönliche Interaktion weitergegeben. Räumliche Nähe ist deshalb kein Luxus. Sie ist die Übertragungsinfrastruktur für alles, was komplex ist. Und komplex ist heute so gut wie alles, womit man noch Geld verdienen kann.

Sind wir mit hybridem Arbeiten auf dem Holzweg?

Um mit Hybridem Arbeiten nicht auf den Holzweg zu geraten, müssen wir uns daran erinnern, was unsere eigentliche Aufgabe als Gesellschaft und als Unternehmen ist. Die Schaffung von Innovation und von neuen Wegen, um endlich unser gesammeltes Wissen zu nutzen und so die großen und lösbaren Probleme dieses Globus‘ zu lösen und damit auch noch Geld zu verdienen. Innovation entsteht häufig durch interdisziplinäre Zusammenarbeit. Nähe ist hier förderlich und Abwesenheit kann zum Problem werden. Hybrides Arbeiten muss also so organisiert werden, dass eine gute Balance aus Fokus und Kooperation entsteht. Mein Idealbild für die Wissensarbeit wäre,

  • dass im Büro und an anderen Co-Working-Orten, an denen ich interdisziplinär Netzwerken kann, implizites Wissen geschaffen wird,
  • dass ich im Homeoffice, das nachbereite, was ich nicht so schnell verarbeitet bekomme
  • und dass mein Second Brain in Kombination mit KI das Explizite Wissen vorhält, das ich bisher als Mensch auswendig lernen sollte.

Das Büro und andere Orte des Netzwerkens sind also der Fußballplatz, auf dem die Tore geschossen werden und das Homeoffice ist der Ort für Training und auch Ruhe. Für Spitzensportler ist die Regeneration so wichtig wie die Höchstleistung. Daher wäre diese Kombination auch für die Wissensarbeit ideal.

Der Netzwerkfaktor einer Büroimmobilie

Eine der 10 Soft Skills, die wir in unserem neuen Tool, der BOB-Scorecard, betrachten, haben wir Netzwerkfaktor genannt. Mit der BOB-Scorecard bewerten wir Büroflächen. Dabei sind die Kriterien der BOB-Scorecard (10 Hard Facts und 10 Soft Skills) selbst Basis für die Entwicklung eines BOBs.

Ich bin fest davon überzeugt, dass zukünftig Netzwerken der Existenzgrund für Büros sein wird. Ein Büro sollte so gebaut sein, dass es internes wie externes Netzwerken fördert. Rückzug, Kommunikation, Essen, Fitness, Außenanlage, Konferenz, Co-Creation … ein Büro sollte viele Möglichkeiten schaffen. Wir benötigen verschiedene Orte , an denen wir uns spontan oder geplant treffen können. Die Studie „Das Büro als Corporate Innovation Hub" des Fraunhofer IAO (Office 21) zeigt deutlich, dass es keinen linearen Zusammenhang zwischen Büropräsenz und Innovationsfähigkeit gibt, wenn denn nicht das Büro entsprechend gestaltet ist.

Bei der Gestaltung geht es übrigens nicht unbedingt um ein hippes Design. Schon das Angebot einer angenehmen Sitzmöglichkeit im klassischen Büro, kann ein Zündfunke für Netzwerken und Ideenaustausch sein.

Es ergibt also keinen Sinn, alle Wissensarbeitenden in alte Büros zurückzubeordern und zu denken, dass alleine das einen Effekt haben würde. Das hybride Arbeiten ist nicht schuld an mangelnder Innovationskraft. Unternehmenskultur und die Gestaltung des Ortes sind entscheidend und müssen angepasst oder verändert werden. Ein hoher Netzwerkfaktor einer Bürofläche ist also die Voraussetzung nicht das Ergebnis.

Auch das Umfeld und die Nachbarn eines Büros sollten bei der Entwicklung oder Anmietung eines Büros betrachtet werden. Gibt es eine Hochschule in der Nähe, gibt es Parks, gibt es Bistros? Solche Orte bieten Chancen für einen menschlichen Austausch. Mit den Oldenburger Hafengesprächen im BOB.Oldenburg und aktuell im Jahr 2026 mit den Hannover Talks im BOB.Hannover bieten wir selbst unseren interessierten Büromietern ein Programm an, mit dem sich das Bürogebäude nach außen öffnet. Dabei geht es vorrangig um eines, um das Netzwerken.

Fazit

Durch KI wird der gewohnte menschliche Umgang mit explizitem Wissen ein Ende finden. Die klassische Büroarbeit, bei der ich Gelerntes immer wieder und wieder anwende, wird somit ebenso Geschichte sein. Ich hoffe, dass dies alle verinnerlichen, die auch in 10 Jahren noch mit Büroarbeit ihr Geld verdienen wollen.

Wissenarbeit wird in Zukunft aus Erfahrungsaustausch, der Entwicklung von implizitem Wissen und der Entwicklung innovativer Lösungen bestehen. So wie es nach der Einführung des Computers nicht mehr sinnvoll war, seitenweise Rechenaufgaben von Hand auszuführen, wird es auch keinen Sinn mehr ergeben, Büroarbeit auf Basis von explizitem Wissen durchzuführen, das die KI schon längst besitzt.

Und so wie die klassische Büroarbeit ihr Ende findet, wird auch das klassische Büro sein Ende finden. Wir benötigen ganz neue Büros für die Zukunft. Unter anderem sollten diese einen hohen Netzwerkfaktor haben und grundsätzlich anders gestaltet sein.

Quellen

Fraunhofer IAO / Office 21, Milena Bockstahler, „Das Büro als Corporate Innovation Hub", 2026

 

BOB Gründer Dr. Bernhard Frohn, Vorstand

Über den Autor Dr. Bernhard Frohn

Schon früh beschäftigte sich Dr. Bernhard Frohn mit dem Unternehmersein. Nach dem Studium des Maschinenbaus an der RWTH Aachen promovierte er im Bereich Photovoltaik und machte sich sofort selbständig. Als Energieeffizienzberater für Bestandsimmobilien und Neubauten verdiente er das erste Geld. Durch den Bau des eigenen Bürogebäudes, dem Balanced Office Building in Aachen, lernte er die Faszination für Architektur aber auch die Komplexität bei dem Bau eines Bürogebäudes kennen. Denn hier spielen nicht nur Themen wie Technik, Gebäudeorganisation oder gar Bauabläufe eine Rolle. Es sind vor allem die Themen des Unternehmertums und der Gestaltung neuer Arbeitswelten, die für Bernhard Frohn aus einem scheinbar simplen Büro eine echte Herausforderung in einer digitalisierten Welt machen. Daher schreibt er auf diesem Blog über ein breites Spektrum an Themen und hat viel Freude daran, neue zu entdecken.