New Work

Gute Büros binden neue Mitarbeitende

29. Juni 2020 von Volker Zappe
aktualisiert am 
29. Juni 2020

Der Bewerber sitzt im großzügigen Chefbüro mit weitem Blick über die Stadt und wundert sich über die exquisite Ausstattung und den geradezu verschwenderischen Umgang mit Platz. Die Verwunderung macht kurz darauf blankem Entsetzen Platz, als dem Aspiranten seine künftige Arbeitsstätte vorgeführt wird. Zunächst ein dunkler, stickiger Flur, kein Mensch weit und breit und weil draußen 30 Grad sind, unangenehm kühl durch eine lärmende Klimaanlage. Dann: Zellenbüro, 12 Kubikmeter Mindestvolumen nach Arbeitsstättenverordnung, Brandwand gegenüber, Tageslicht irgendwo da oben und die neuen Kolleginnen und Kollegen gefühlt Lichtjahre weit entfernt. Der künftige Chef sprach von Transparenz, Kommunikation und flachen Hierarchien. Die Büroetage, die sie nun gemeinsam durchschreiten, zeigt wenige protzige Statusräume, abgeschlossene Zellenbüros, enge düstere Flure und fast schon eine depressive Stille …

Die Qualität des Büros ist wichtig

Wem soll unser armer Bewerber nun glauben – dem Chef, der durchaus mit einem ansehnlichen Gehalt lockt oder dem eigenen Eindruck – oder gar Gefühl? Wir glauben am besten den Fakten: Die Leesman-Studie befragt regelmäßig rund 150.000 Büronutzer nach ihrer Zufriedenheit und der Bedeutung von Faktoren, die für eine erfolgreiche Büroarbeit eine Rolle spielen. So erhielt die Aussage „Das funktionale und optische Design meines Arbeitsplatzes ist wichtig für mich“ eine Zustimmung von 85 %. Jeweils rund 60 % schätzten das funktionale und optische Design als wichtig ein für die Aspekte Teamarbeit, Arbeitsatmosphäre und Produktivität. Da die reinen Abwickler-Tätigkeiten im Büroalltag immer mehr von Software übernommen werden, gewinnen die kreativen Tätigkeiten stark an Bedeutung. Denken, Entwerfen, Erfinden stehen im Vordergrund. Und diese Form der Arbeit benötigt völlig andere Voraussetzungen als die 12 Kubikmeter, die offenbar für einen Menschen im Büro überlebensnotwendig sind.

Agiles Arbeiten kommt von agil

Wir haben bereits von Teamarbeit gelesen. Viele Branchen, die in komplexen Entwicklungsprozessen stecken, machen seit einigen Jahren vor, wie durch Teamarbeit Projekte schnell und effizient bearbeitet werden können. Agiles Arbeiten mit Methoden wie beispielsweise Scrum spielen nicht nur online eine Rolle. Agilität ist auch lebendiges miteinander Arbeiten in Räumen, die dafür optimale Bedingungen bieten. So entstehen Ideen eigentlich weniger in langweiligen Besprechungsräumen, sondern eher in inspirierender Umgebung. Möglicherweise geht es dabei gar nicht unmittelbar um einen Arbeitsprozess. Ideen können ebenso gut beim gemeinsamen Herumlungern in der Lounge oder Kochen in der Teamküche aufblitzen. Es gibt nicht mehr die eine Möglichkeit des Arbeitens. Arbeit findet heute ganz vielfältig und häufig eben auch im engen Austausch mit anderen im Unternehmen statt. Nicht selten werden auch temporäre Teams mit Externen gebildet. Homeoffice und temporäre Arbeitsplätze bilden ein unzertrennliches Paar.

Eine Botschaft an die Neuen

Viele junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben heute genaue Vorstellungen über das Wie Ihres Arbeitens. Daher sind auch die 85 % zu erklären, die dem Umfeld eine so große Bedeutung beimessen. Es liegt auf der Hand, dass das oben skizzierte Büro für unseren armen Bewerber natürlich fatale Botschaften aussendet. Und bei ähnlichen sonstigen Randbedingungen für eine Beschäftigung wird sich der neue Mitarbeiter natürlich für gute, ja für die besseren Bedingungen entscheiden. Und gerade dem Aspekt der Kommunikation sollten Sie hier wirklich viel Aufmerksamkeit entgegenbringen.

Der Gegenentwurf

Das zweite Bewerbungsgespräch findet im BOB.Hannover statt. Der Chef begrüßt unseren Bewerber in der Etagen-Lounge, die mit Glaswänden von den anderen Räumen abgetrennt ist. Hier finden normalerweise Teammeetings oder Brainstormings statt und allerhand Zeug ist an die Wände gepinnt. Der Blick des Bewerbers schweift von hier in die großzügig und offen gestaltete Kombizone. An der Küchentheke sitzen ein paar junge Leute und diskutieren ein nicht hörbares Thema. Im Hintergrund sieht er durch die Glaswand in ein Doppel-Büro, in dem zwei Kollegen konzentriert arbeiten. Beim Gang durch die Etage ist unser Bewerber überrascht, wie viel Diskussion und Leben in den ganz unterschiedlichen Bereichen im BOB zu sehen sind. Gleichzeitig spürt er ein angenehmes Raumklima, eine Wohltat nach der Bullenhitze draußen. Die Menschen, die sie unterwegs zu seinem Arbeitsplatz treffen, sagen freundlich „Hallo“. Die temporären Arbeitsplätze sind heute nur spärlich besetzt, ein Teil des Teams ist heute im Homeoffice. Irgendwo ertönt lautes Gelächter. Sein Arbeitsplatz befindet sich in einem tageslichtdurchfluteten Zwei-Personen-Büro. Für ruhige Telefonate – dienstlich oder privat – gibt es gegenüber eine abgeschirmte „Telefonzelle“. Von seinem Schreibtisch kann er durch seitliche Glasschwerter in die Nebenbüros blicken – wo prompt auch jemand winkt. Und im Team-Büro in der Kombizonen stehen ein paar Leute gestikulierend an einem großen Touchscreen und trinken dabei Kaffee …

Keine Chance für das schlechte Büro

Die tristen Büros der Vergangenheit lassen den Arbeitgebern, die heute leistungsfähige und innovative Mitarbeitende suchen, keine Chance. Wohlfühlen und der Wunsch, die eigene Vorstellung vom Arbeiten realisieren zu können, stehen für die jungen Generationen heute im Vordergrund. Mit Recht, denn sie haben ein feines Gespür dafür, was Leistungsfähigkeit fördert. Und das funktioniert nur mit Räumen, die sich an diese Anforderungen anpassen lassen und von vornherein für den Menschen und seine Bedürfnisse optimiert sind. Die Investition in ein gutes Büro rechnet sich in jedem Falle. Wir machen immer wieder gerne darauf aufmerksam, dass der entscheidende Kostenfaktor im Büro der Mensch ist. Und wenn dessen Leistungsfähigkeit nicht optimal unterstützt wird, leidet die Produktivität messbar. Rechnen Sie mal die Personalkosten auf die Quadratmeteranzahl Bürofläche um, die dieser Mitarbeitende beansprucht. Wenn Sie diese Zahl mit Ihrer Kaltmiete vergleichen, wird Ihnen klar, worum es hierbei eigentlich geht.

Der Showdown

Nun die große Preisfrage bei unserer Schwarzweißmalerei: Für welchen Arbeitgeber wird sich unser Aspirant wohl entscheiden? Richtig. Der andere hat noch versucht, eine Schippe Geld mehr draufzulegen. Es war zwecklos - logisch.

Über den Autor Volker Zappe

Wie können wir Umwelt und Technik so miteinander in Einklang bringen, dass auch künftige Generationen nachhaltig und zufrieden leben können? Und wie gestalten die heute agierenden Menschen Ihre Verantwortung für dieses Ziel. Diese Fragen begleiten Volker Zappe bereits seit mehr als drei Jahrzehnten. Zunächst arbeitete er als Ingenieur im Bereich Umwelt- und Landschaftsplanung, danach als Kommunikator und Autor in unterschiedlichen Bereichen. Seit acht Jahren wirkt er daran mit, die wunderbare Idee des Balanced Office Buildings und die damit verbundenen Themen einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Er schreibt hier über Nachhaltigkeit und Klimaschutz, neue Arbeitswelten und New Work, über Technikfragen und Wirtschaftlichkeit.