Nachhaltigkeit

Komm mit auf Schatzsuche!

10. Februar 2021 von Volker Zappe
aktualisiert am 
10. Februar 2021

Nun mal ehrlich: Haben Sie auch schon immer davon geträumt, mal einen Schatz zu finden? Goldmünzen, Geschmeide oder sogar eine kleine Krone? Sie liegen am Strand und graben mit den Füßen im Sand und plötzlich ist etwas hartes, vierkantiges Schatztruhenartiges zu spüren … Oder als Kind haben Sie vielleicht sehr zum Leidwesen Ihrer Eltern auch schon mal voller Hoffnung tiefe Löcher im Garten gegraben. Aber da war nichts.

Aus Träumen wird Wirklichkeit

Aber aus manchem Traum wird ja Wirklichkeit und in unserem Fall liegt der Schatz sichtbar direkt vor unserer Nasenspitze: Es geht um Urban Mining, was im Zusammenhang mit dem Neubau eines Bürogebäudes soviel bedeutet wie, „schau Dir doch mal das, was du da abreißt, genau an, es könnte Wertvolles drinstecken“. Sicher ist das weder Gold noch Silber, aber garantiert Kupfer, Stahl und so manches, was seinen Wert erst beim zweiten Blick preisgibt.

Am Beispiel unserer aktuellen Projektentwicklung BOB.Hannover, die auf dem Grundstück eines ehemaliges Sportcenters entsteht, sind die Schätze mannigfaltig. Zunächst konnten sich Sportbegeisterte noch nutzbare Einrichtungsgegenstände und Einbauten herausnehmen und einem neuen Leben zuführen. So haben einige Hobbyathleten vieles vor dem Müll bewahrt. In der zweiten Phase rückt nun das Abrissunternehmen an. Wir haben uns entschlossen, möglichst viel der vorhandenen Materialien dem Recycling zuzuführen und bestenfalls direkt auf der Baustelle wiederzuverwenden.

Beton und Metall erwachen zu neuem Leben

Da haben wir beispielsweise den Beton. Das Abbruchunternehmen zerkleinert ihn noch vor Ort und lagert den neu entstandenen Rohstoff. Wir streben an, dass er im weiteren Bau als Zuschlagstoff oder Ausgleichsmasse verwendet werden kann. Momentan gehen unsere Expertinnen von 10.500 t Zuschlagsstoffen für die Betonherstellung aus. Insgesamt schätzen wir, dass 80-85 % des gesamten Abbruchmaterials wiederverwendbar ist. So lässt sich das anfallende Metall aus Blechdächern, Stützen und Armierung vollständig recyceln. Alte Dachpappen dienen zumindest noch als Ersatzbrennstoffe.

Teures Recycling?

Doch was kostet das alles? Die Abrisskosten sind tatsächlich höher, als würde man nur eine Abrissbirne schwingen lassen und das ganze Material dann auf die Deponie fahren. Viel Handarbeit ist beim Trennen der Bauteile gefragt. Setzt man die gewonnenen Materialien aber neu ein, lässt sich unter dem Strich sogar Geld sparen.

Wie oft im Leben können wir auch beim Thema Recycling mit gesundem Menschenverstand und ein wenig Nachdenken sehr viel erreichen. Bei BOB denkt ein ganzes Partnernetzwerk darüber nach, wie alle Abläufe bei der Entstehung eines Büros umweltfreundlicher werden können. Da ist noch nicht alles perfekt, aber wir werden immer besser. Um alles transparent zu machen, lassen wir auch den Abbruchprozess von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen DGNB zertifizieren. Die Kolleginnen und Kollegen vom Auditor schauen uns da dankenswerterweise genau auf die Finger.

Recycling beginnt bei der Planung

Damit die Generationen nach uns es leichter haben, die Materialien künftig aus einem Gebäude wiederzuverwenden, achten wir heute schon bei der Entwicklung des konkreten Neubaus und generell des BOB-Produktes auf das „Danach“. Die gute Freundin vom Recycling ist eigentlich die Langlebigkeit. Was lange hält, muss erst später entsorgt oder recycelt werden. Daher ist eine lange Haltbarkeit bei hoher Funktionssicherheit das wichtigste Kriterium bei der Auswahl von Baustoffen und Bauteilen. An vielen Stellen lohnt es sich auch finanziell, ein teureres Produkt zu verwenden, das dann eben im Lebenszyklus erst viel später getauscht werden muss.

Eine Herausforderung beim Abriss von Gebäuden ist, dass viele Materialien so fest miteinander verbunden sind, dass sie sich nicht mehr trennen lassen. Was zu fest verklebt ist, können Abbruchunternehmen nicht der Wiederverwendung zuführen. Es bleibt dann nur die Verbrennung oder Deponierung. Ein umweltgerechtes Gebäude muss sich heute daher nach Ablauf seiner Nutzungsdauer wieder in alle Einzelteile zerlegen lassen. Zwar können Wärmedämmverbundsysteme als Beispiel die Kosten bei Neubauten senken, sie schaffen für unsere Enkelinnen und Enkel aber künftig untrennbaren unnützen Müll, der die Umwelt belastet. Wollen wir so etwas anderen Menschen wirklich noch zumuten? Nach mir die Sintflut? Sicher nicht!

Die schicke Second-Hand-Fassade

Am Beispiel Fassade kann man sehen, dass es auch jenseits des Wärmeverbundsystems anders geht und dass sich mit ein wenig Fantasie Lösungen finden lassen, die wirklich passen.

Beim BOB.Düsseldorf Airport City hat der Architekt eine tolle Fassade entworfen, die Oberfläche hat einen umwerfenden „Wow-Effekt“. Der Haken: Die Fassadenelemente – sie sind selbstverständlich nicht Teil eines Wärmedammverbundsystems - bestehen aus Aluminium, das bekannterweise Unmengen von Energie bei der Herstellung verschlingt. Das klang aus Umweltgründen zu Beginn der Planung nach einem Killerargument gegen diese Fassadenvariante. Die Lösung folgte aber auf dem Fuße: Die Fassadenelemente lassen sich genauso effektvoll aus Sekundäraluminium herstellen, mit weitaus geringerem Energiebedarf. Sie ist dadurch zwar noch keine Ökofassade, wir sind dem Ziel höherer Umweltfreundlichkeit aber deutlich nähergekommen. Und der Clou: Ist die Zeit für diese langlebige Fassade abgelaufen, kann ein Recyclingunternehmen das spätere Altaluminium dann wieder zu 100 Prozent einschmelzen und etwas Neues daraus machen.

Die Schätze von morgen

Die Stoffe, die wir heute einsetzen, sind also die Schätze von morgen. Wer mit diesem Bewusstsein handelt, muss das Bauen von Bürogebäuden heute anders betreiben. Nachhaltigkeit ist dann nicht nur eine hohle Floskel, sondern die Selbstverpflichtung, an die konkreten Interessen unserer Nachkommen zu denken und entsprechend zu handeln. Das ist überhaupt nicht theoretisch, sondern extrem praktisch: Bei BOB testen wir gerade einen Teppichboden, der mittels Klettverschlusspunkten auf den Boden aufgebracht wird. Nach Ende der Nutzungszeit, zieht man die Teppichfliesen einfach wieder ab und führt das Material einem Kunststoffrecycling zu. Hier sind dann keine oder viel weniger Kleber erforderlich. Der neue Boden wird wieder festgeklettet. Das spart dann auch noch Verarbeitungskosten, weil sowohl das Abspachteln als auch das erneute Verkleben entfällt.

Lasst uns weitersuchen

Wie bei allen Schätzen liegt auch beim Urban Mining noch vieles verborgen. Mit Kreativität und schlauen Ideen lassen sich hier noch unermesslicher Reichtum heben. Und wer weiß, vielleicht gelangen wir ja irgendwann zu dem Zustand, dass Vernichten oder Deponieren überhaupt gar keine Option mehr ist und Recyclingquoten grundsätzlich, wie heute bereits beim Aluminium, bei 100 % liegen: alles kehrt vollständig in den Stoffkreislauf zurück. Das klingt ja fast schon natürlich …

Über den Autor Volker Zappe

Wie können wir Umwelt und Technik so miteinander in Einklang bringen, dass auch künftige Generationen nachhaltig und zufrieden leben können? Und wie gestalten die heute agierenden Menschen Ihre Verantwortung für dieses Ziel. Diese Fragen begleiten Volker Zappe bereits seit mehr als drei Jahrzehnten. Zunächst arbeitete er als Ingenieur im Bereich Umwelt- und Landschaftsplanung, danach als Kommunikator und Autor in unterschiedlichen Bereichen. Seit acht Jahren wirkt er daran mit, die wunderbare Idee des Balanced Office Buildings und die damit verbundenen Themen einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Er schreibt hier über Nachhaltigkeit und Klimaschutz, neue Arbeitswelten und New Work, über Technikfragen und Wirtschaftlichkeit.