Nachhaltigkeit

Das Klimamonster

26. August 2020 von Volker Zappe
aktualisiert am 
26. August 2020

Vor ein paar Tagen gab es große Aktivitäten auf dem Dach meines Nachbarn. Handwerker schleppten Material nach oben, fingen an Schläuche und Kabel auszulegen und ich dachte mir schon: Hier wird eine Photovoltaik-Anlage aufgebaut, vielleicht wegen der vielen Schläuche auch eine solarthermische Anlage zur Heizungsunterstützung. Diese senkt den CO2-Ausstoß des Nachbargebäudes signifikant herab oder produziert sauberen grünen Strom. Das war ein hoffnungsvolles Zeichen – wir tun doch alle gemeinsam etwas gegen den Klimawandel und investieren in die Zukunft!

Die große Enttäuschung

Im Laufe des Tages wandelte sich meine Begeisterung dann in blanke Ernüchterung. Was die Experten da gegenüber aufbauten, war nicht etwa ein Teil der Rettung des Klimas, sondern ein südländisch anmutendes, wirklich großes Klimagerät. Mit mächtigem Ventilator und enormen Energiehunger hat dieses Technikwunder nun seinen Kampf gegen den Klimawandel oder besser den Temperaturwandel auf seine Weise aufgenommen. Dies geschieht auf einem zweifelhaften Weg, wie wir gleich sehen werden.

Von Jahr zu Jahr steigen in den Sommermonaten die Temperaturen und die Wärme, die uns in den Nächten den Schlaf raubt und dem Nachbarn gegenüber tagsüber die Konzentration beim Homeoffice stiehlt. Es ist an vielen Tagen mittlerweile ab mittags zu heiß zum Arbeiten. Es ist verständlich, dass er daran etwas ändern möchte. Aber mit einem stromfressenden Klimamonster die Folgen des Klimawandels besiegen zu wollen, ist natürlich absurd.

Kältemittel und Energieverbrauch

Erst schaffen wir das Problem steigender Temperaturen durch unser Umweltverhalten und dann fällt uns nichts Besseres ein, als eine Technik einzusetzen, die das Problem noch weiter verschärfen kann. Die Kältemittel in konventionellen Klimaanlagen bestehen aus teilfluorierten Kohlenwasserstoffen (HFKW), die laut Bundesumweltamt als treibhauswirksame Kältemittelemittenten gelten. So betrugen die Emissionen von HFKW der stationären Klimatisierung in Deutschland bereits im Jahr 2010 405 Tonnen, was 717.400 Tonnen CO2-Äquivalenten entspricht. Betrieb und Leckagen führen zu Klima-Problemen, selbst wenn man eine Klimaanlage mit Ökostrom betreiben sollte. Und was geschieht mit den Kühlmitteln am Ende des Lebenszyklus der Technik? Wahrscheinlich landet viel davon unsachgemäß entsorgt in der Umwelt.

Und wie das Bundesumweltamt einschätzt, wird sich das Problem weiter verstärken. Denn die energiebedingten CO2-Emissionen für die Kühlung werden sich bis zum Jahr 2030 um mindestens 25 % erhöhen. Wir selbst sehen, dass sich die Nachfrage an gekühlter Bürogebäudefläche beschleunigt. Kühlung am Arbeitsplatz wird in wenigen Jahren überall ein absolutes Erfordernis sein. Wie lässt sich Kühlung aber nachhaltig gestalten, ohne das Klimaproblem weiter zu verschärfen?

Ab in den Untergrund

Schauen wir uns mit einem leichten Augenzwinkern zunächst ein Alternativmodell der Homeoffice-Kühlung an: Einer meiner Kollegen hat unter dem Eindruck der heißen Tage der vergangenen Wochen und natürlich unter den Corona-Erfordernissen sein Homeoffice kurzerhand in den heimischen Keller verlegt. Jeder, der so glücklich sein kann, in einem Haus mit Keller zu wohnen, weiß, dass der einzig vernünftige Aufenthaltsort bei Außentemperaturen von 36 Grad der Keller ist. Man kann dort aufräumen, basteln, Dinge machen, die man schon lange aufschiebt oder eben, wie mein Kollege, arbeiten und im Gegensatz zu den Vielen, die in den letzten Wochen „ungekühlt“ arbeiten mussten, auch denken, innovativ und kreativ sein.

Der gute Geist aus der Tiefe

Die Chance, quasi Kellerkühle für Büros nutzbar zu machen, hat BOB schon vor rund 20 Jahren erkannt. Bereits in dem BOB-Prototypen in Aachen wurde ein Kühlkonzept entwickelt, das Erdkälte aus 100 m Tiefe nutzt und heute fast alle BOBs in behaglicher Weise kühlt. Denn beim Thema Kühlung spielt neben dem Aspekt der Klimafreundlichkeit und hohen Energieeffizienz vor allem die Behaglichkeit eine sehr große Rolle. Was nützt ein durch viel Energie heruntergekühltes Raumklima, wenn Erkältungen und gereizte Augen durch kalte Luftströme vorprogrammiert sind? Kühlung ist also nicht gleich Kühlung. So erleben die Menschen in BOB-Bürogebäuden die Klimatisierung als einen behaglichen Mantel, der sie an heißen Sommertagen leicht umhüllt. Die Kälte, die wir im Untergrund zum Nulltarif gewinnen, leiten wir in Form von Wasser durch Röhren, die in den Betondecken und -böden eingelassen sind. Das Gebäude strahlt die angenehme Kühle dann nach innen ab. Anders als bei Klimaanlagen gibt es bei dieser Technik weder störende Geräusche noch starken Luftzug. Für BOB ist Kühlung daher nicht nur ein Thema des nachhaltig gestalteten Energieverbrauchs, sondern damit wunderbar gepaart, ein wichtiges Komfortthema.

Kein Büro ohne Kühlung

Kühlung wird für uns alle im Arbeitszusammenhang künftig zentral wichtig sein. Wir finden es allerdings zynisch, Bestandsgebäude mit Technik auszurüsten, die das Klimaproblem weiter verschärft. Zukunftsfähige Kühlung kann nur nachhaltig sein, wenn sie nicht zu mehr CO2-Emissionen oder gar der Freisetzung klimaschädlicher Stoffe führt. Wir wünschen uns daher, dass auf dem Markt für Büroimmobilien mehr Sensibilität für klimagerechtes Kühlen einkehrt. Denn sind Klimageräte wie im Falle meines Nachbarn erst mal installiert, werden sie über viele Jahre massenhaft Strom verbrauchen. Hierbei wird vermutlich viel CO2 freigesetzt und am Ende sind die Kühlmittel ein schwieriger Entsorgungsfall. Klimageräte und Klimaanlagen lasten somit eine ganz schön lange Zeit auf unserem ökologischen Gewissen.

Kostenkiller

Und damit dieser Beitrag nicht zu moralisch wird, lassen Sie uns noch kurz auf das Thema Kosten schauen. Die Kühlung für 2.000 Quadratmeter Bürofläche mit einer herkömmlichen Kältemaschine und Klimaanlage kostet übrigens etwa 500 € pro Monat.

Die Kühlkosten für 2.000 Quadratmeter BOB belaufen sich im selben Zeitraum auf gerademal 73 €. Das liegt daran, dass wir für die Kühlung lediglich den Strom benötigen, der das zur Kühlung benötigte Wasser in 100 m Tiefe schickt und dann wieder in die Geschossdecken fördert. Unser Ziel ist es, dass die erforderlichen Pumpen mit Ökostrom versorgt werden. Damit ist dieser Prozess nicht nur kostengünstig, sondern auch klimaneutral. Wenn Sie diese beiden Zahlen vergleichen, werden Sie feststellen: öko heißt in diesem Falle nicht teurer!

Wir können den Klimamonstern dieser Welt also ganz schnell jegliche Gruseligkeit nehmen und sie getrost verbannen. Aber nicht in den Untergrund, denn da lebt ja der gute Geist der Geothermie!

Über den Autor Volker Zappe

Wie können wir Umwelt und Technik so miteinander in Einklang bringen, dass auch künftige Generationen nachhaltig und zufrieden leben können? Und wie gestalten die heute agierenden Menschen Ihre Verantwortung für dieses Ziel. Diese Fragen begleiten Volker Zappe bereits seit mehr als drei Jahrzehnten. Zunächst arbeitete er als Ingenieur im Bereich Umwelt- und Landschaftsplanung, danach als Kommunikator und Autor in unterschiedlichen Bereichen. Seit acht Jahren wirkt er daran mit, die wunderbare Idee des Balanced Office Buildings und die damit verbundenen Themen einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Er schreibt hier über Nachhaltigkeit und Klimaschutz, neue Arbeitswelten und New Work, über Technikfragen und Wirtschaftlichkeit.