Gesundes Arbeiten

Volkskrankheit Berufspendler

17. März 2020 von Dr. Bernhard Frohn
aktualisiert am 
15. Juni 2020

Von Beruf Pendler, nein das soll das Wort Berufspendler wohl nicht ausdrücken. Beim Arbeitsamt ist auch keinen Job dieser Art zu finden. Berufspendeln ist also offensichtlich kein Job, aber leider eine echt große Einschränkung für die viel besungene Work-Life-Balance. Fast 9 Mio. Deutsche pendeln täglich mehr als eine Stunde zu ihrem Arbeitsort. Das entspricht am Ende des Berufslebens dann immerhin dem Zeitraum von vier Berufsjahren. Vier Jahre hat der Berufspendler also im Auto, im Zug oder im Bus verbracht, unbezahlt versteht sich.

Pendeln macht krank

Pendeln macht auch krank. Zum einen deshalb, weil man sich nicht bewegt. Das Lenkrad festhalten oder im Zug oder Bus sitzen sind keine Tätigkeiten, die unserem Herz-Kreislaufsystem gut tun würden. Wenn wir dann nach Hause kommen, sind wir müde und dann wird es noch schwieriger, sich aufzurappeln und sich zu bewegen. Tatsächlich zeigt die kleine Gemeinde der fahrradfahrenden Pendler, dass aus Bewegung Zufriedenheit resultiert.

Pendeln macht auch deshalb krank, da immer der Stress des pünktlichen Ankommens existiert. Die Bahn hat häufiger Stellwerksstörungen oder auch einfach Störungen im Betriebsablauf (Das ist übrigens die beste Ausrede, die ich je von einem Unternehmen gehört habe!). Beobachten Sie einmal, was in der Bahn passiert, wenn die Bahn Verspätung hat. Die Hälfte aller Mitfahrenden greift zum Handy und ruft jemanden an, um zu sagen, dass es leider später wird. Spaß macht das nicht.

Auch mit dem PKW zu pendeln, ist kein Garant für das pünktliche Erscheinen. Neben dem Stress, sich auf das Fahren konzentrieren zu müssen und sich über alle diejenigen ärgern zu müssen, die schlechter als man selbst fahren gibt es noch das Phänomen Stau. Gerade in Großstädten, die noch weiter wachsen, geht häufig morgens gar nichts mehr. Allein in der Stadt kann so die Stunde Pendeln locker erreicht werden. Schauen Sie während des nächsten Staus einmal in die Gesichter der Staukollegen rechts und links. Glücklich sind die nicht.

Neue Geschäftsmodelle müssen her

Würde man die Zeit des Pendelns produktiv gestalten können, so dass das Unternehmen damit Geld verdient, dann könnten bei einem kleinen mittleren Stundensatz von 50 €/h pro Jahr in Deutschland 99 Mrd. € mehr erwirtschaftet werden. Mit 99 Mrd. € könnten im ersten Jahr 49,5 Mio. m² Bürofläche gebaut werden, was für alle Pendler vollkommen ausreichend wäre, so dass diese 2-3 Tage pro Woche in der Nähe ihres Wohnortes arbeiten könnten. Man würde also einmalig 99 Mrd. € investieren, um dann ab dem zweiten Jahr die 99 Mrd. € mehr Geld zu verdienen. Volkswirtschaftlich ist dieser Gedanke hoch spannend, die Realisierung ist aber natürlich für das einzelne Unternehmen nicht so trivial. Die Mitarbeiter eines Unternehmens wohnen nicht alle an demselben Ort, so dass neue Geschäftsmodelle für Bürogebäude gefunden werden müssen. Es wird sie geben, denn Pendeln kann nicht die Alternative sein.

Das temporäre Homeoffice ist übrigens keine echte Alternative. Ergonomisch dramatisch schlecht gestaltete Arbeitsplätze, ohne gute Temperierung für Winter und vor allem Sommer, keine Trennung von Privat und Beruf und zahlreiche Störungen (im Betriebsablauf) in Form von Spülmaschinen, Gartenarbeit und Kindern sind nicht gerade förderlich. Mit Kindern soll man sich entspannt beschäftigen und sie nicht als Störung empfinden, weil dringend noch ein Bericht bis morgen früh fertig sein muss. Work-Life-Balance heißt auch räumliche Trennung.

Zum Schluss noch eine nicht ganz ernst gemeinte Pendlervision: Das selbstfahrende Auto fährt zukünftig selbständig in den Stau und bleibt dort selbständig stehen. So kann sich der Fahrer vollkommen auf das Fluchen konzentrieren. Da Fluchen Stress abbaut, ist das selbstfahrende Auto eine echte Alternative zur Gesunderhaltung. Da sicherlich noch ein selbstfahrendes Auto mit einem integrierten Trimm-Dich-Rad erfunden wird, können wir unsere Muskeln im Stau trainieren und laden natürlich gleichzeitig den Akku unseres Elektromobils auf. Hunderte selbststehende Autos mit sich selbstbewegenden Berufspendlern, die glücklich nach Hause pendeln. Schöne neue Welt.

 

Über den Autor Dr. Bernhard Frohn

Schon früh beschäftigte sich Dr. Bernhard Frohn mit dem Unternehmersein. Nach dem Studium des Maschinenbaus an der RWTH Aachen promovierte er im Bereich Photovoltaik und machte sich sofort selbständig. Als Energieeffizienzberater für Bestandsimmobilien und Neubauten verdiente er das erste Geld. Durch den Bau des eigenen Bürogebäudes, dem Balanced Office Building in Aachen, lernte er die Faszination für Architektur aber auch die Komplexität bei dem Bau eines Bürogebäudes kennen. Denn hier spielen nicht nur Themen wie Technik, Gebäudeorganisation oder gar Bauabläufe eine Rolle. Es sind vor allem die Themen des Unternehmertums und der Gestaltung neuer Arbeitswelten, die für Bernhard Frohn aus einem scheinbar simplen Büro eine echte Herausforderung in einer digitalisierten Welt machen. Daher schreibt er auf diesem Blog über ein breites Spektrum an Themen und hat viel Freude daran, neue zu entdecken.